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Patrick Dempsey: «Das Datenblatt sagt dir alles» ein Interview von Gerhard Kuntschik aus Le Mans

Der Hollywood-Star Patrick Dempsey ist mit seinem eigenen Team bei den 24h von Le Mans unterwegs. Im Interview spricht er über den aktuellen und historischen Motorsport sowie seine beeindruckende Filmkarriere. Wer immer Hollywoodstars für abgehobene Schnösel, die in ihrer eigenen Luxuswelt leben, hält, wird beim Zusammentreffen mit Patrick Dempsey eines Besseren belehrt. Der 53-Jährige aus Maine, berühmt geworden durch seine Langzeit-Serienrolle als Dr. Derek Sheperd in «Grey’s Anatomy», zuletzt in den Kinos mit «Bridget Jones’ Baby» erfolgreich, ist nicht nur zugänglich, sondern sogar ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Besonders, wenn es um seine Leidenschaft Motorsport geht, in der er als Langstreckenpilot Fuß fasste und nun wieder als Miteigentümer von Dempsey-Proton-Racing mit zwei Porsche in Le Mans am Start ist.


Was trägst Du als Beruf ein, wenn Du diesen in einem Formular angeben musst?
Dempsey: «Hmmm, eine schwierige Frage! Ich versuche nämlich noch immer, das selbst herauszufinden. Aber ohne Zweifel: Mein Herz ist beim Rennsport und hier in Le Mans. Dieses Rennen ist eine riesige Herausforderung, es verlangt dir alles ab.»


Vor zehn Jahren gabst Du Dein Debüt in Le Mans als Fahrer. Wann hattest Du erstmals das Gefühl, als echter Rennfahrer und nicht als der große Filmstar behandelt zu werden?
«Mein Eintritt in den Rennsport und mein wachsender Erfolg als Schauspieler passierten praktisch parallel. Allerdings musste ich als Rennfahrer ganz unten beginnen und mich dann langsam steigern. Ich wurde jedoch immer respektiert und mir wurde auch immer Unterstützung zuteil. Ansonsten bist du als Fahrer so konzentriert, dass du alles andere um dich herum vergisst. Ich war an viele Kameras um mich herum ja schon gewöhnt und daran, unter Beobachtung zu leben. Das Gute am Rennsport: Dort gibt es keinen Bullshit, weil das Datenblatt immer alles verrät. Du bekommst Respekt auf der Rennstrecke – und du musst gleichzeitig auch immer den anderen Respekt zollen.»


Ist also das Filmgeschäft eher Fiktion und der Rennsport das echte Leben?
«Im Sport weißt du nie, wie es ausgehen wird. Ein Rennen ist Runde für Runde pures Drama.»

Woher rührt Deine Begeisterung für Langstreckenrennen? Bei Amerikanern erwartet man im Allgemeinen eher ein Interesse an IndyCar- und Nascar-Rennen.
«Als Gentleman-Fahrer wie ich hast du in Langstrecken-Rennen eine Chance, aber nicht in den anderen Serien. Es ist gleichzeitig eine großartige Gelegenheit, gemeinsam mit deinen Helden auf derselben Strecke unterwegs zu sein. Ich erinnere mich an meine ersten Runden in der Nacht in Daytona, da dachte ich: Wow! Ich mache es wirklich, ich bin da, mitten unter meinen Idolen. Diese Begeisterung ans Publikum weiterzugeben, hat sich zu einer neuen Leidenschaft von mir entwickelt. Der psychische Aspekt im Rennsport ist enorm wichtig, speziell hier in Le Mans ist entscheidend, wie stark du mental bist.»

Du bist an diesem Wochenende geehrt worden mit dem Spirit of Le Mans Award, einer der höchsten Auszeichnungen, die es hier gibt. Was ist der Spirit von Le Mans und wo liegt etwa der Unterschied zu einem anderen Rennsport-Klassiker wie dem Indy 500?
«Diese beiden Events kann man gar nicht vergleichen. Sie sind schon von der technischen Seite her komplett unterschiedlich, aber die zwei sind zusammen mit Monaco jene Rennen, an denen jeder Fahrer teilnehmen und dann auch überzeugen will. Doch als Amateurfahrer kann ich weder Formel 1 noch das Indy 500 bestreiten, das geht nur in Le Mans. Vielleicht hättest du in Indy eine winzige Chance, dich zu qualifizieren, aber ganz sicher nicht die, auch aufs Podium zu kommen. Le Mans aber ist der Platz, wo dir das gelingen kann (Dempsey kletterte 2015 als Zweiter der Kategorie LMGTE-Am aufs Podium, Anm.). Für mich ist Le Mans ein Traum, den man sich erfüllen kann. Trotzdem musst du enorm viel Erfahrung haben, um durch den dichten Verkehr zu kommen. Du fühlst in diesem Rennen die Geschichte, den Mythos, die weltweite Beachtung.»

Interessierst Du Dich für Rennsporthistorie? Warst Du zum Beispiel hier schon einmal im Streckenmuseum?
«Jetzt schon länger nicht mehr. Aber bei meinem ersten Besuch hier bin ich mit Don Panoz (einer Teamchef-Legende, Anm.) durch die Boxenstraße gegangen und dachte mir: Eines Tages will auch ich hier fahren. Als Kind sah ich mit meinem Vater, einem großen Racefan, immer das Indy 500, aber niemals Le Mans. Erst später wurde es bei uns im Fernsehen gezeigt. Was ich bedauere: Dass ich niemals auf der Nordschleife auf dem Nürburgring fahren konnte.»

Was ist der härtere Job: Fahrer oder Teambesitzer?
«Als Chef hast du Partner und viele Helfer, aber im Auto bist du allein. Und du fragst dich, wie weit du dich selber antreiben kannst und wie weit du kommen wirst. Das ist die Herausforderung. Es hängt allein von dir selbst ab und davon, wie gut du vorbereitet bist, physisch und mental.»

Siehst Du Dich in einer Linie mit Steve McQueen oder Paul Newman, die ebenfalls als Schauspieler einen starken Hang zum Motorsport hatten?
«Es wäre interessant gewesen zu sehen, wenn Steve McQueen eine längere Karriere gehabt hätte so wie Paul Newman, der bis ins hohe Alter fuhr. Ich habe enormen Respekt für beide und es wäre faszinierend gewesen, einmal gemeinsam auf die Strecke gehen zu können.»

Und dann am besten mit Hurley Haywood als Instruktor?
«Ja, er wäre ein fantastischer Mentor gewesen. Als ich mit dem Rennsport begann, hat mir Hurleys Brumos-Team immer viel Unterstützung gewährt, obwohl ich ein Konkurrent war. Er hat mich ermuntert, den Weg weiter zu gehen. Dabei war er immer sehr direkt und sagte ganz offen, was ich tun sollte. Was ich von ihm gelernt habe: Ich muss nicht unbedingt der Schnellste sein, aber ich darf einfach keine Fehler machen.»

Über ihn hast Du jüngst als Produzent eine große Dokumentation erstellt. Wie kam es dazu?
«Regisseur Derek Dodge arbeitete schon 2014 mit mir in verschiedenen Social-Media-Projekten. Er kam das erste Mal mit mir nach Le Mans, überhaupt war es das erste Autorennen seines Lebens. So lernte er Hurley Haywood kennen und kam auf die Idee, seine Geschichte zu verfilmen. Derek ist, wie Hurley, auch homosexuell, und diese Geschichte zu erzählen fanden wir beide einfach wichtig. Wir diskutierten das Projekt über ein Jahr lang. Und als wir uns dazu entschlossen, den Film zu machen, bekamen wir viel Unterstützung aus der Rennsportszene. Ich bin sehr glücklich darüber, wie der Film beim Publikum angekommen ist. Hurley ist nicht nur ein Star, er ist auch ein sehr zugänglicher Mensch, immer freundlich, leidenschaftlich. Eigentlich erzählt er in dem Film seine Geschichte ganz allein, und ich helfe ihm nur dabei.»

Treibst Du Deine Filmkarriere eigentlich immer noch weiter voran?
«Ich bin in der glücklichen Lage, mir aussuchen zu können, was ich mache. Wie im Rennsport, wo ich immer in einem guten Auto sitzen will, will ich auch beim Film eine berechtigte Aussicht auf Erfolg haben.»

Wie siehst Du die Zukunft von Le Mans? Es gab hierzu seit einigen Jahren viele Diskussionen.
«Das ist für den Rennsport ganz allgemein ein ganz kritischer Zeitpunkt, denn man muss die Kosten beachten und gleichzeitig Rücksicht auf die Umwelt nehmen.»

Welche Innovationen erwartest Du?
«Die Serie kann nur wachsen, wenn auf die wichtigen Fragen Antworten gefunden werden. Die Kosten müssen erschwinglich bleiben, vor allem jedoch müssen wir über den jetzigen Horizont hinausblicken. Aber ich wage nicht zu sagen, wie sich der Rennsport entwickeln wird.»

Wie sehr interessierst Du Dich für historische Rennsportveranstaltungen, zum Beispiel das Ennstal Classic, an dem Du schon teilgenommen hast?
«Solche Veranstaltungen liebe ich. Ich war begeistert und will dort unbedingt wieder einmal an den Start gehen. Wir arbeiten daran. Ich erinnere mich an den Augenblick irgendwo auf einer Landstraße, und es kam mir vor, als sei ich in einer vergangenen Epoche. Mit diesen Autos zu fahren war ja viel schwieriger als mit den heutigen. Aber die Qualität gerade dieser Veranstaltung ist wirklich außerordentlich. Wenn du Oldtimer liebst und ein wunderbares Land sehen willst, dann musst du exakt dorthin. Und du entwickelst auch noch hohen Respekt für die Rennfahrer aus dieser Zeit.»

Was war Dein erster Oldtimer?
«Ein 356er Porsche aus dem Jahr 1963, den ich mir von meiner ersten Filmgage nach „Can’t Buy Me Love“ gekauft habe und der von Grund auf restauriert wurde. Was ich gern noch hätte, wäre ein 356er Coupé aus den 1950ern.»

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Foto: © Ennstal-Classic / Martin Huber

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