Offizielle Fotoseite der Ennstal-Classic:  (© Ennstal Classic)
<<  zur News Übersicht

  1 · 2 · 3 · 4 · 5    

Ein Anfänger im Paradies...

Meine erste Ennstal-Classic und die Folgen.

Von Harald Pokieser (Startnummer 189)

Eingeklemmt zwischen einer makellosen Corvette C1 und einem sehr schönen, sehr alten Porsche bin ich froh, dass der Volvo zumindest frisch lackiert ist. Die versammelten Kinder sind begeistert, sie mögen den Amazon, er ist rot und hat das Gesicht eines Spielzeugautos. Die Erwachsenen fotografieren lieber die Corvette und ich wundere mich inzwischen über diese großartigen Aufkleber. Fahrzeugabnahme, die Startnummern groß wie Handtücher, Ennstal-Classic vorne drauf, die Namen links und rechts und keine Blasen und Falten, glatt wie aufgemalt. Liegt es an den jungen, unermüdlichen Ennstal-Classic Kleber-Spezialisten? Oder liegt es an einer diabolischen Klebstoff-Rezeptur? Dann würden die Pickerln nur samt Lack und Blech lösbar sein, das wäre für mich traurig, bei den Bugattis und Ferraris aber ein Millionenschaden. Heute weiß ich es besser, es liegt am Perfektionismus, am guten Geist der Veranstaltung, der mich still und freundlich durch den dreitägigen Marathon geleiten sollte.

Bei 35 Grad im Schatten, nach rund sechs Stunden im Auto, weit von Sollzeiten und noch weiter vom Tagesziel entfernt erinnere mich an die Worte von Helmut Zwickl: „Die Ennstal-Classic ist keine Schnauferlfahrt“.

In der Tat, bald geht’s dem Volvo besser als mir, die Schwedenkiste ist unverwüstlich, meine Beifahrerin und ich sind es nicht. Schweiß tropft, verpasste Abzweigungen, zu spät gedrückte Stoppuhren und ein perfektes, unerbittlich abstraktes „Roadbook“ zerren an den Nerven.

Der Wegstreckenzähler funktioniert nicht, gut so, eine Aufgabe weniger an der man unweigerlich scheitern würde. Die Dämmerung auf den Etappen ist die Zeit der bangen Fragen: Wird unsere Beziehung halten, Doris und ich haben schon Schlimmeres gemeistert aber wer weiß, wo sind wir, wird das abendliche Buffet schon geschlossen sein, warum verirren sich die anderen nicht, gibt es einen Preis für den Letzten?
Man sieht, geordnet lässt sich über die Ennstal-Classic nicht berichten, nicht von einem Anfänger.

Bei der Ennstal-Classic wird bekanntlich nach Baujahr gestartet, von ganz alt bis 1972, wer also mit Jungblech anno 1968 unterwegs und nicht auf Zack ist, wird bald von den wildesten Autos aller Zeiten überholt. Während sich meine Frau die Ohren zuhält, fliegen die Traumautos meiner Kindheit vorbei, Ferrari Dino, Maserati Ghibli, Porsche Carrera RS, Jaguar E und so weiter.      

Unglaublich, wohin Österreichs kleinste Straßen führen, mitten durch die Vorzimmer der Bergbauern und weiter. Berauschend, wie man zwischen Enns- und Murtal pendeln kann, auf Karrenwegen und durch die Wildnis Kanadas bis zum Red-Bull Ring und zurück über den sagenhaften Sölkpass. Die Straße von Gestern ist der Höhepunkt der Ennstal Classic, „willkommen zu Hause“ ruft sie den alten Kisten im letzten Abendrot zu und jagt sie morsche Holzplanken entlang, steil abwärts über Schlaglöcher und durch aberwitzige Haarnadelkurven, vorbei an Kühen, Fichten und Steinfeldern runter ins rettende Tal.
  
Die Ennstal-Classic ist eine Eintrittskarte in einen Klub, Mitglieder sind Benzinbrüder und -Schwestern, die in diesen drei Tagen alles abstreifen, was andernorts an erste Stelle steht. Termine und Konferenzen, Rohrbrüche, Jahresabschlüsse, Beruf, Status und Einkommen verlieren jede Bedeutung, wenn man mit rauchendem Motor am Straßenrand steht, wenn Kolben und Zündungen, Baujahre und Benzingeschichten im Mittelpunkt stehen und wenn man begreift, dass die vielen Zuschauer an der Strecke weniger den Fahrern sondern vielmehr den Autos zuwinken.

Ach ja, der gute Geist der Ennstal-Classic. Er entsteht gewissermaßen im Hauptquartier, wo das Mögliche längst erledigt und das Unmögliche zu meistern Routine ist. Der gute Geist weht heran, wenn im strömenden Regen die Wischer versagen und wieder zum Leben erweckt werden, wenn sechshundert Hungrige oder mehr vor einem exquisiten Buffett stehen, das andere für ein dreckiges Dutzend nicht zustande bringen und wenn man sich überhaupt beschenkt fühlt, egal was es gekostet hat.    

Natürlich lassen sich die Aufkleber am Ende butterweich ablösen, vorausgesetzt man bringt es übers Herz. Denn daheim in der Garage gleicht die Startnummer der Ennstal Classic einer Urkunde, sie erzählt von einer erfolgreich geschlagenen Schlacht und hebt den Eigner eines alten Volvos aus dem Stand des Schnauferlfahrers hinauf in den Ritterstand.  

2019_pokieser