Offizielle Fotoseite der Ennstal-Classic:  (© Ennstal Classic)
<<  zur News Übersicht

  8 · 9 · 10 · 11 · 12    

Persönliche Erinnerungen an Dr. Gunther Philipp: Als er bei der Ennstal-Classic Stirling Moss traf...

Von Helmut Zwickl

Bei einem Fahrerlehrgang in Kottingbrunn, das war im November 1959, ist Gunther mit seinem Mercedes 300SL mitgefahren und natürlich war er die große Attraktion. Ich bin dort zu ihm hingegangen, habe  mich vorgestellt – Gunther kannte ja meinen Vater, den Zwickl von Wondra & Zwickl, und ich fragte ihn: «Herr Doktor, würden Sie mich eine Runde im Mercedes mitnehmen?» Und er sagte: «Hupf eine Bua».

Es waren dann drei oder vier Runden, und sie waren ein Erlebnis, bin ich doch bis dato nur im VW meines Vaters gefahren.
Gunther war damals schon ein reinrassiger Motorsport-Fan, er hatte alle Bücher die es gab und alle Magazine aboniert. In Wien war ja kaum etwas zu kriegen. Er hat mir dann im Abstand von 14 Tagen in einer Aktentasche die wichtigsten Motorsport-Magazine zum Portier des Hochhauses in der Wiener Herrengasse hinterlegt.
Was für mich gewissermaßen ein Start-Kapital für meine gerade erst beginnende Reporter-Karriere war.
Über den 300SL hat er mir folgende Anekdote erzählt. Weil das Auto zu viel Sprit brauchte, stellte er es eines Tages in Stuttgart vor die Villa von Chefkonstrukteur Rudolf Uhlenhaut, mit einer Tafel, auf der geschrieben stand: «300SL zu verkaufen, günstiger Verbrauch, 50 Liter auf 100 km».
Am nächsten Tag nahm Uhlenhaut das Auto sofort in die Versuchsabteilung, wo es ein kostenloses Service bekam. Gunther: «Die Betonung liegt auf kostenlos...»
Obwohl er 1960 mit dem 300SL in Österreich GT-Staatsmeister wurde, stieg er 1962 auf Ferrari um und wurde erneut Staatsmeister.
Im Winter 1962/63 kaufte er sich vom Britischen UDT-Laystall Team, hinter dem die Familie von Stirling Moss stand, einen Ferrari GTO. Das war so ziemlich das schnellste Ding, was damals käuflich zu erwerben war, eigentlich ein Instrument für Profi-Rennfahrer.
Gunther übergab die Anzahlung von 20 Prozent in Form eines Schecks an den Vater von Stirling Moss und fuhr den Ferrari auf Achse von Cherbourg zum Autodrom von Monthlery, südlich von Paris zu einem Rennfahrer-Lehrgang.
«Das Fahrverhalten» erzählte Gunther «war im Straßenverkehr äußerst unerfreulich, bei niedriger Geschwindigkeit begann das Wasser zu kochen, ich fuhr daher nachts bis Monthlery durch».
1963 hatte ich beim steirischen Platschberg-Rennen Gelegenheit in dem GTO neben Gunther sitzend eine 20 km Runde zu drehen.
«Wo die Grenzen liegen, weis ich immer noch nicht» höre ich ihn heute noch sagen, «aber man ist auch diesseits der Rutschgrenze so schnell dran, dass selbst ein Renn-Amateur wie ich was gewinnen kann.»
Gunther war ein reinrassiger Herrenfahrer, adrett wie aus dem Modejournal, mit durchlöcherten weißen Lederhandschuhen drehte er am Lenkrad. Meist musste er unter einem Pseudonym fahren, um sich von den Dreharbeiten wegzustehlen. Am Montag stand dann in der Zeitung, «der unter dem Pseudonym Giulio Pavesi startende Filmkomiker Gunther Philipp gewann auf Ferrari die GT-Klasse...»
Im Kofferraum führt er stets einen zweiten Rennoverall mit, als Gag für die Fotoreporter: «Falls ich mich anscheiß, bauch ich eine neue Windelhose...» pflegte er zu sagen.
1963 wurde er mit dem GTO erneut Österreichischer Staatmeister.
Als er Mitte der 90er Jahre Stirling Moss bei der Ennstal-Classic traf, kamen sie sofort auf den GTO zu sprechen. Am Ende des Tages schrieben sie sich gegenseitig in ein Buch: «Wir hätten ihn nie verkaufen sollen...»
Schon der Gedanke daran hat Gunther zeitlebens den Blutdruck in die Höhe getrieben: «Ich habe den GTO um 70.000 Mark verschenkt...»
Anfang der 90er Jahre versuchte ich Gunther für einen Start bei der Kitzbühler Alpen-Rallye zu gewinnen. Ich besorgte ihm einen Mercedes 300SL und Dieter Quester fuhr zusammen mit Peter Alexander einen Ferrari Daytona. Wir wollten uns alle auf der Wiener Höhenstraße zu einem Foto-Shooting treffen, doch Peter Alexander hatte nie Zeit, obwohl ihm sein Freund Dieter Quester in den Ohren lag.
Gunther war längst sauer und meinte: «Sagts dem Peter, wenn er morgen nicht auf die Höhenstraße kommt, kann er mich auf ewig am Arsch lecken.»
Peter kam, wir schossen das Foto, das dann auf Seite 1 im Kurier erschien.
Unvergesslich waren für mich und meine Freunde jene Abende nach seinen Theater-Auftritten, wo wir in Simmering beim Heurigen saßen und Gunther herrliche Anekdoten aus der Welt des Films erzählte.
Bei der Siegerehrung der zweiten Ennstal-Classic, 1994 im Schloss Moosheim, hatten Michael Glöckner und Ich den wahrscheinlich bekanntesten und populärsten Assistenten, den man sich wünschen konnte: Gunther Philipp trat als Moderator auf.
Was würde er heute sagen, wenn er erfahren müsste, dass sein Ferrari GTO mit Chassisnummer 3505  im Jahre 2012 von einem Amerikaner um sage und schreibe 35 Millionen Dollar erworben wurde? Gunther starb 2003 im Alter von 85 Jahren.

2020_guntherphillip