Offizielle Fotoseite der Ennstal-Classic:  (© Ennstal Classic)
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Autofahren im letzten Paradies - ein Blick in den Rückspiegel

Das Corona Virus erzwang heuer eine Absage der Ennstal-Classic. Nächstes Jahr allerdings steht der Termin fest:
21. bis 24. Juli 2021. Zeit um einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, wie alles begann.

Von Helmut Zwickl

Michael Glöckner und ich hatten 1992 eine Vision und viele Menschen haben geholfen sie zu verwirklichen. Bei der Probebohrung Ende 1992 hat uns Classic-Car Spezialist Peter Wiesner seine Kundenkartei geöffnet. Österreichs Mercedes-Pressechef Wolfgang Gruber ließ seine Drähte nach Stuttgart glühen und fand uns später würdig die berühmte "Alfred Neubauer-Trophy" zu vergeben. Bei der Premiere 1993 standen 35 Autos am Start. Die Gemeinde Gröbming sah argwöhnisch auf das unbekannte Dorfleben mit alten Autos. Oldtimer-Experte Franz Steinbacher machte den Sprecher und die technische Abnahme. Karl Wendlinger las am Sölkpass das Transparent "Go, Karli, Go". Walter Röhrl setzte als erster Sieger seine ganze Schwerkraft für uns ein. Ein gewisser Dietrich Mateschitz wurde Neunter.
Als Stirling Moss 1994 erstmals nach Gröbming kam, lagen wir alle flach. Susie und Stirling wurden unsere besten Freunde, pflegeleicht, immer am Boden, sie wurden weltweite Botschafter der Ennstal-Classic. Hans Herrmann war da. Für Karl Wendlinger war die Ennstal 1994 das erste Wiedersehen mit einem Rennwagen-Cockpit nach jenem verhängnisvollen Trainingsunfall im Monaco-Grand Prix, der ihn ins Koma geschleudert hatte. 1994 gab es den bisher einzigen Sieg eines Damen-Teams durch Jutta Roschmann/Nicole Neukunft auf BMW 507. Sie wären auch heuer mitgefahren, auf einem Maserati A6 GCS.
Mit Hanni Gruber als Gröbminger Bürgermeisterin, wurde die Ennstal im Ort heimisch, sie stand vom ersten Tag an hinter uns, weil sie die Impulse für die ganze Region vorhersah.
1995 hatten wir 30 Zentimeter Neuschnee am Stoder. Jochen Mass und Rauno Aaltonen waren am Start. Franz Klammer und Niki Lauda schlug die Begeisterung der Zuschauer entgegen, und der unverwüstliche Paul-Ernst Strähle holte sich mit Eberhard Mahle den Gesamtsieg. Das Fernsehen wurde auf uns aufmerksam.
Max Gerrit von Pein, Chef der Mercedes-Classic, nannte die Ennstal in einem Atemzug mit der Mille Miglia, dem Goodwood-Festival und dem Brighton-Run.  Der frühere Porsche-Renningenieur Peter Falk, der Walter Röhrl 1997 zum zweiten Ennstal-Sieg navigierte, war in der Anfangszeit ein wertvoller Berater. Auf der Nockalm pfeifen die Murmeltiere heute noch von einem sagenhaften Dreikampf zwischen Derek Bell auf einem Bristol, Erik Carlsson auf Saab und Stirling Moss auf Mercedes. Sie waren plötzlich wieder jung und fuhren wie um die Rallye-WM.
Rauno Aaltonen gewann 1998, und der damalige Bundeskanzler Viktor Klima überreichte den Sieger-Champagner. Derek Bell, Klaus Wildbolz und Peter Kraus wurden Stammgäste und als Opinion-Leader gehört. Stirling und Susie Moss bogen im Gröbminger Kreisverkehr irrtümlich in eine Sackgasse ab, die Feuerwehr holte sie wieder raus. Seither trägt der Kreisverkehr ganz offiziell den Namen "Stirling Moss".
Als Internet und Handy noch nicht greifbar waren, mussten unsere Zeitnehmer aus ihrem Waldversteck in die Zivilisation zurückrasen, um vom nächsten Faxgerät, das in einem Hotel, in einer Werkstatt oder in einer Apotheke stand, die Zeitstreifen zu übermitteln.
Max von Pein sorgte dafür, dass die berühmtesten Silberpfeile von Mercedes-Benz in Gröbming gezündet wurden. Betreut wurden sie von einem Mann, der wie kein anderer um die letzten Geheimnisse der Silberpfeile wusste um sie am Laufen zu halten: Klaus Seybold.
Genial war John Surtees, der im Jahre 2000 den sagenhaften Mercedes W165 durch Gröbming chauffierte, mit dem Hermann Lang 1939 den Tripolis Grand Prix gewann. Ein Auto, das für eine High-Speed Strecke gebaut war, jedoch in den Ecken von Gröbming ein virtuoses Feingefühl erforderte, denn mit weniger als Vollgas drohte der mit Alkoholsprit laufende Kompressormotor abzusterben. Michele Alboretto war da, um den Auto Union Grand Prix-Wagen zu demonstrieren. Rauno Aaltonen zählt im Sommer und im Winter der Planai-Classic Jahr für Jahr zur den Publikumslieblingen.
2001 begann mit der max.Ennstal-Classic eine neue Ära. Da war Peter Arnoth, der max.mobil Vertriebschef, der die Ennstal zusammen mit Michael Krammer von der max-Business-Class der Chefetage empfahl, worauf eine Partnerschaft begann, von der man nur träumen konnte, denn mit Dr. Friedrich Radinger stellte sich die Geschäftsführung hinter die max.Ennstal-Classic, aus der 2002 und 2003 die T-Mobile Ennstal-Classic wurde. Dies war zugleich der Brückenschlag zwischen High Tech-Telekommunikation und den einstigen Meilensteinen der Automobiltechnik – damals wie heute ging es um Mobilität.
In der Folge brachten wir ein Projekt zum Laufen, in dem die Sonderprüfungszeiten als SMS auf die Handys der Teilnehmer übermittelt werden.
Ein absoluter Höhepunkt war die 9. Ennstal im Jahre 2001. Da gab man John Surtees den berühmtesten Silberpfeil aller Zeiten in die Hand: jenen Mercedes 300 SLR #722, mit dem Stirling Moss 1955 die Mille Miglia gewonnen hatte. John fuhr damit die gesamte Ennstal-Classic, was fahrerisch eine stressige Meisterleistung war. Denn für die Alpenstraßen der Ennstal war der 300 km/h schnelle Rennsportwagen, der praktisch mit dem seinerzeitigen Formel 1-Boliden identisch war, nicht gebaut. Adrian Newey, damals der Star-Designer von McLaren, brachte seinen privaten Jaguar SS100 an den Start. Er gewann gegen 21 Konkurrenten die Epoche II, danach ließ er sich im Privatjet von Ron Dennis von Salzburg nach London fliegen...
Edelfeder Helmut A. Gansterer schrieb: "Die Ennstal ist die Tour de France von Österreich, nur sauberer. Seit 2002 ist den Teilnehmern jedes elektronische Doping untersagt." Auch das war ein Meilenstein: Damit die Ennstal nicht zu einem Computerspiel ausartet, lässt das Reglement ausschließlich mechanische Uhren mit Analoganzeige und mechanische Wegstreckenzähler zu.

2003 verfolgten insgesamt 75.000 Zuschauer in Gröbming, den Etappenorten und entlang der 690 Kilometer-Strecke die Veranstaltung.
Landeshauptfrau Waltraud Klassnic und Sportlandesrat Dr. Gerhard Hirschmann erkannten, dass sich unser Event in der ganzen Region zu einem echten Wirtschaftsfaktor ausweitet.
In Erinnerung bleiben unglaubliche Geschichten. In der Rennwagen-Show stand der Penske-Mercedes, immerhin das Siegerauto von Indianapolis. Am Sonntag wurde das Zelt abgebaut, und am Montag früh stand – wie eine Fata Morgana - der Indy-Siegerwagen völlig verlassen im Freien auf der grünen Wiese. Er war nicht abgeholt worden. Michael Glöckner schob das Millionen teure Auto in den Ort, bevor der Spediteur endlich da war...
Mit Michael Krammer als Chef von Telering, One und zuletzt Orange hatte die Ennstal jeweils einen Langzeit-Partner, der die Emotionen mitnahm und das Netzwerk der Wirtschaft rund um unseren Event zu nutzen verstand.  
2004 wieder ein Highlight. Zwei Weltstars erzeugten ein riesiges Medienecho: Emerson Fittipaldi und Rowan Atkinson, alias "Mr. Bean", der seine private Jaguar-Rennlimousine mit Mechaniker am Anhänger nach Gröbming schickte. Stirling Moss hatte die Verbindung eingefädelt, und was 2003 noch nicht geklappt hatte, passierte 2004. Mr. Bean wollte am liebsten inkognito auftreten und das Nenngeld bezahlen. Wir ahnten den Rummel und stellten einen Security-Mann für ihn ab. Die Kinder zwischen neun und fünfzehn waren seine größten Fans. Sie hängten sich an den Jaguar, als Rowan in Schladming einfuhr. Alle großen Zeitungen des Landes hatten Mr. Bean auf Seite eins. Als am Samstag die Rallye vorbei war, fragte er in seinem Hotel, wo es im Tal irgendwelche Sehenswürdigkeiten gäbe. Man empfahl ihm Schloss Trautenfels und das zauberhafte Bergdorf Pürgg als "ruhigen, stillen Ort". Als er nach Pürgg kam, war dort das große Feuerwehrfest im Gang. Er wurde sofort erkannt und war chancenlos. Autogramm schreibend bahnte er sich den Weg bis ins Gasthaus Krenn, wo er dann im Garten seine Ruhe fand. "Gerhard Berger" meinte Rowan, "hat mich gewarnt. Er sagte, Du wirst schauen, wie populär Du in Österreich bist. Aber so eine Begeisterung hätte ich trotzdem nicht erwartet...!"
Als Emerson Fittipaldi 2005 jenen Lotus 49 demonstrierte, mit dem Jochen Rindt 1970 den Monaco-Grand Prix gewonnen hat,  und in seiner letzten Runde eine rot-weiß-rote Fahne mit Jochen Rindt-Schriftzug aus dem Cockpit flattern ließ, wurden ungeheure Emotionen frei, ältere Jahrgänge bekamen feuchte Augen. "Auch für mich war das ein denkwürdiger Nachmittag", offenbarte Emerson, "ich trug den grünen Helm von Jochen, ich saß ihn seinem Auto, und das österreichische Publikum jubelte mir zu..."
Nigel Mansell, Formel 1 Weltmeister von 1992, bekam seine große Popularität auch im Ennstal zu spüren, fuhr er doch 1980 seinen  allerersten Formel 1-Grand Prix am Österreichring.
2010 schickte Red Bull nicht nur David Coulthard mit einem NASCAR-Auto zum Demo-Grand Prix nach Gröbming, sondern auch den neuen Superstar Sebastian Vettel, für den Porsche den Formel 1 Achtzylinder-Rennwagen aus dem Jahre 1962 mitbrachte. Dr. Wolfgang Porsche stand neben Sebastian, als dieser in den 1.5 Liter-Grand Prix-Wagen mit Vergaser, Rohrrahmen und Handschaltung stieg, wo man zwischen den Benzintanks sitzt und Kohlefaser erst 20 Jahre später zum Bau von Monocoques zum Einsatz kam. Sebastian staunte, für ihn war das ein Ausflug in die Steinzeit.
"Motorsport zum Angreifen": mit dieser Philosophie haben wir seinerzeit die Ennstal-Classic ins Leben gerufen und viele Freunde haben diesen Gedanken mit Leidenschaft mitgetragen.
Wie sagte Walter Röhrl nach der ersten Ennstal 1993: "Burschen machts weiter!"

Noch mehr Geschichten über die Ennstal-Classic von Helmut Zwickl finden Sie in den Programmbüchern der Vorjahre in unserem SHOP!

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