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Geölt wie eine Maschine!

In der Geschichte des Autorennsports setzte Sir Stirling Moss ein sagenhaftes Lesezeichen:  Er gewann 1955 auf Mercedes-Benz 300SLR die Mille Miglia. Beide waren bei der Ennstal: Stirling Moss aber auch der berühmte 722er  - mit John Surtees.

Im Jahre 1955 war Stirling Moss 26. Er war ein Voll-Profi, hungrig nach Siegen, Tod und Teufel nicht fürchtend und als er nach 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden die berüchtigte 1000 Meilen Strecke in einem Italien-Rundflug aufgesaugt hatte, war er mit einem Schnitt von unglaublichen 157. 651 km/h Sieger. Ein Schnitt der nie mehr überboten wurde. Seinem Teamkollegen Fangio hatte er 32 Minuten abgenommen.
Neben Moss saß Denis Jenkinson. Im Jahre 1955 ein junger Mann, mit einem Rauschebart, der als Passagier neben Stirling jene Furchtlosigkeit mitbrachte, die ihn schon als Kunstturner im Beiwagen seines Landsmannes Eric Oliver ausgezeichnet hatte, mit dem er 1949 Seitenwagen-Weltmeister wurde. Jenkinson hatte die 17-Seiten  langen Roadbook-Notizen von diversen Trainingsfahrten im Mercedes 220, 300 SL und Rennsportwagen 300SLR auf eine 10 Meter lange Papierrolle komprimiert, die er in einer Zigarrenschachtel großen Blechbox zwischen zwei Rollen abspulen konnte. Jenkinson brüllte vor gefährlichen Passagen seinem Chauffeur jeweils eine Vorwarnung nach einem vereinbarten Schlüssel zu.
Moss-Jenkinson waren ein eingespieltes Team und Mercedes hatte die Mille Miglia unter Rennleiter Alfred Neubauer nach einem Generalstabsplan vorbereitet, der für die damalige Zeit konkurrenzlos war.
Jede Startnummer bedeutete zugleich die Startzeit am Morgen des 1. Mai 1955. Fangio (Mercedes) hatte 658, Kling (Mercedes) 701, Collins (Aston Martin) 704, Maglioli (Ferrari) 705, Moss/Jenkinson 722 – diese Nummer wurde für den Siegerwagen gewissermaßen zu einem Etikett für die Ewigkeit.
Jenkinson erinnerte sich: «Nicht über die vor uns machten wir uns Sorgen, sondern über unsere Hintermänner. Castellotti startete in einem 4.4 Liter Ferrari hinter uns, Marzotto in einem 3.7 Liter Ferrari war drei Minuten hinter uns und letztlich der gefährlichste Mann, Taruffi, hatte Startnummer 728, er war somit sechs Minuten hinter uns.»
Auf der Geraden nach Verona drehte Moss den 290 PS starken 300SLR erstmals im fünften Gang bis 7.500 U/min. aus, das waren ca. 290 km/h. Trotzdem tauchte der Castellotti Ferrari langsam aber unaufhaltsam immer schärfer im Rückspiegel des deutschen Silberpfeils auf. In einer 90 Grad Kurve touchierte Moss die Strohballen. Als Castellotti an Moss vorbeiging, grinste er übers ganze Gesicht. Aber Castellotti ging die Mille Miglia im Stile eines Formel 1 Grand Prix an, der Sechszylinder-Ferrari fraß seine Reifen, bis man keine mehr hatte...
In Rom lag Moss bereits mit 173 km/h Schnitt vorne, Taruffi, der beste Streckenkenner, hatte 1:52 min. Rückstand, es folgten die drei 300SLR von Herrmann, Kling und Fangio, dann Maglioli und Perdisa.
Jahre später schwärmte Jenkinson über Moss: «Er fuhr unglaublich, seine Car-Control war sagenhaft, er konnte stundenlang neun Zehntel schnell fahren...»
Ich fragte Moss einmal vor Jahren bei der Ennstal-Classic: «Wenn ich dich in der Nacht anrufe und sage, Stichwort Mille Miglia 1955, was fällt dir heute dazu ein?»
«Der Futa-Pass»
Wieso?
«Die Straße mit den viele Kehren ist nicht ganz so schnell, ich war in einem wunderbaren Rhythmus, ständig sortierte ich Gänge, Zweite-Dritte-Zweite, das lief einmalig, ich war geölt wie eine Maschine, völlig ein- und heiß gelaufen. Ich hatte alles im Griff und der Jubel der Menschen hat mich über den Futa getragen.»
In der Endphase, auf einer langen Geraden, nicht mehr weit vom Ziel in Brescia entfernt, wurde der SLR ein letztes Mal auf fast 300 hochgefahren, als am Horizont zwei Punkte an Schärfe gewannen. Moss: «Sie flogen wie Tennisbälle auf uns zu, aus den Punkten wurden zwei  BMW Isetta. Ich musste eine Entscheidung treffen – links oder rechts, letztlich pfeilte ich mich zwischen den beiden Käseglocken, die vor uns dahinschlichen, in der Mitte durch. Im Rückspiegel bekam ich noch mit, dass sie in unseren Turbulenzen tatsächlich wie Tennisbälle herumhüpften...»
Als Moss nach der Zieldruchfahrt ins Hotel fuhr. Sagte er zu Jenkinson: «Ich bin so glücklich, dass ein Brite endlich die Mille Miglia gewonnen hat, und wir die alte Legende ad absurdum führten, die besagt, wer in Rom vorne liegt, hat noch nie gewonnen.»
Jenkinson, die britische Reporter-Ikone schrieb Jahre später: «Es war der Tag, an dem ich das Autofahren in höchster Vollendung erlebte. Ein Tag, wie er nie mehr wieder kommt.»
Heute steht der 722er im Werks-Museum und Sir Stirling starb am Ostersonntag im Alter von
90 Jahren.

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